1974 – Eine deutsche Begegnung ist das dritte Fußballbuch, das ich auf diesem Blog näher vorstelle, und nach Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben bereits das zweite Buch von Ronald Reng. Die meisten Fußballfans werden anhand des Titels wissen, worum es hier geht: Um die Begegnung zwischen Bundesrepublik und DDR bei der Weltmeisterschaft 1974.
Dieses Spiel in der Vorrunde der Weltmeisterschaft war das einzige Spiel der A-Nationalmannschaften der beiden deutschen Staaten gegeneinander. Das ist etwas überraschend, wenn man bedenkt, dass beide Staaten 41 Jahre lang Seite an Seite existierten. Freundschaftsspiele waren aber aus politischen Gründen nicht erwünscht. Auch bei der Qualifikation zur Europameisterschaft 1992 war ein Duell ausgelost worden. Als diese begann, gab es die DDR allerdings bereits nicht mehr.

Bei Amazon kaufen Bei Thalia kaufen Bei bücher.de kaufen
Die Begegnung bei der Weltmeisterschaft 1974 ist aber eher der rote Faden, der sich durch das Buch zieht. Um das Spiel an sich geht es in eher wenigen Kapiteln. Ronald Reng beschreibt hier vor allem das Leben in den beiden Staaten, in zwei unterschiedlichen System und die gesellschaftliche Entwicklung in beiden Ländern. In der DDR kam zu Beginn der 70er-Jahre Erich Honecker an die Macht, was zu Beginn mit der Hoffnung nach mehr Freiheiten verbunden war. In der Bundesrepublik bestimmten die RAF und die politische Polarisierung der Ära Brandt die Schlagzeilen.
Ein Buch über die Gesellschaft in BRD und DDR
Diese Entwicklungen werden anschaulich beschrieben. Der einzige Kritikpunkt, den ich an dem Buch habe, ist der, dass meiner Meinung nach die Kapitel über die RAF nicht wirklich zum roten Faden des Fußballspiels passten und an der ein oder anderen Stelle in diesem Buch etwas Fehl am Platz wirkten. Das ist aber natürlich Ansichtssache und andere Leser werden vielleicht genau diese Kapitel sehr interessant finden.
Was die Protagonisten auf Seite der Bundesrepublik betrifft, liegt der Fokus vor allem auf Günter Netzer, Wolfgang Overath und Bernd Hölzenbein. Hölzenbein verstarb leider im März 2024, nur wenige Tage vor Erscheinen des Buchs. Er hatte sich im Laufe des Turniers in die Startelf gespielt und spielte in Halbfinale und Finale eine wichtige Rolle. Auf den berühmt-berüchtigen Elfmeter im WM-Finale geht Reng am Ende des Buchs auch ein und kommt zum Schluss, dass es keine Schwalbe war. Direkt nach dem Finale hatte des eh niemand geglaubt und erst die BILD hatte das Thema einige Zeit danach (mit einem falschen Zitat, das Hölzenbein nie getätigt hat) in die Medien gebracht.
Es geht natürlich auch um Günter Netzer
In 1974 – Eine deutsche Begegnung erfährt man auch, warum Günter Netzer bei der Weltmeisterschaft nur zu einem kurzen Einsatz (gegen die DDR) kam. Nach Ende der Saison und vor Beginn des Trainingslagers hatten die Spieler drei Wochen frei. Viele fuhren in Urlaub, Bundestrainer Helmut Schön überredete Netzer aber, stattdessen lieber zu trainieren, da er eine eher schwache erste Saison bei Real Madrid hinter sich hatte. Netzer beauftragte daraufhin einen Sportwissenschaftler, der ihn körperlich in Form bringen sollte. Dabei übertrieben es beide aber so, dass der Spielmacher körperlich völlig ausgelaugt und übertrainiert war, als er im Trainingslager der Nationalmannschaft erschien.
Auf Seiten der DDR-Nationalmannschaft begleitet das Buch Konrad „Konny“ Weise, Lothar Kurbjuweit und Gerd Kische näher. Vom Siegtorschützen des Spiels, Jürgen Sparwasser, erfährt man, dass er auf das Tor nicht gerne angesprochen wird. Sparwasser gewann mit dem 1. FC Magdeburg den Europapokal der Pokalsieger, wurde dreimal Meister, viermal Pokalsieger und erzielte 111 Tore in 271 Spielen für den FCM. Trotzdem wird er heute meist nur auf dieses eine Tor gegen die Bundesrepublik reduziert.
Auch Abseits der beiden Nationalmannschaften hat Ronald Reng für dieses Buch mit einigen Protagonisten dieser Zeit gesprochen. Dazu gehören Matthias Brandt, heutiger Schauspieler und Fan von Werder Bremen, damals Mittelstürmer der D-Jugend des Bad Godesberger Fußballverein 08 und Sohn des (kurz vor der WM zurückgetretenen) Bundeskanzlers. Dazu gehören auch das ehemalige RAF-Mitglied Klaus Jünschke, DDR-Dissident Roland Jahn oder die (Theater-)Schauspielerin Jutta Wachowiak.
1974 – Eine deutsche Begegnung ist ein sehr interessantes geschichtliches Werk, in dem man einiges über den Fußball, aber vor allem auch über die Gesellschaft zur damaligen Zeit lernt. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen an alle, die mehr über die 70er-Jahre erfahren wollen. Ronald Reng hat hier einmal mehr bewiesen, dass er sehr schöne Geschichten über Fußball erzählen kann.